BlogtorsFuture – Hinter den Kulissen


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Vorsicht, explosiv!!

9 June 2021

Man könnte durchaus behaupten, dass ich eine emotionale Person bin. Das höre ich allerdings nicht gern und ich bin stets bemüht, meine Emotionen vor anderen Menschen (vor allem dienstlich) im Griff zu halten.

Es hat lange gedauert, bis ich mir eine gewisse Coolness erarbeitet hatte, meine Gefühle auf der Arbeit nicht nach außen zu tragen. Versteht mich nicht falsch: Ich sage durchaus meine Meinung, wenn mir etwas nicht gefällt, aber das formuliere ich neutral. Was für mich gar nicht geht, sind Wutausbrüche inklusive Tränen und Türenschmeißen. Die sind weder professionell noch nützlich.

Und dennoch hatte ich letzte Woche möglicherweise einen kleinen Wutausbruch. Und möglicherweise habe ich mich vom Schreibtisch entfernt, als ich das Brennen der aufsteigenden Tränen spürte, bin ins Bad und habe die verf****e Tür mit so einer Wucht zugeschmissen, dass die Leute in den Etagen über und unter unseren Büroräumen sich gefragt haben, was hier gerade explodiert ist. Es könnte möglicherweise auch sein, dass bei dem Fluch, den ich vorher noch ausgestoßen habe, selbst die Bauarbeiter vor der Tür einen roten Kopf bekommen haben. Wohlgemerkt: Möglicherweise.

Gut, sind wir ehrlich. Ich habe überreagiert. Etwas. Für alle, die sich jetzt fragen, was passiert ist: Ich habe eine E-Mail gelesen. Aber lasst mich von vorn anfangen. Wie ihr wisst, plane ich unsere Veranstaltungen. Am Tag zuvor hatte ich einem Referenten eine Mail geschickt und sein ONLINE-Meet-the-Expert bestätigt. Daraufhin hat er über seine Personalerin (!) einige Forderungen dazu gestellt und bei denen ist mir der Kragen geplatzt. Wie ihr wisst, stehe ich voll und ganz hinter unseren Meet-the-Experts und preise die immer und überall an. Und plötzlich landet eine so unverschämte und dazu noch nicht mal direkt gestellte Anfrage in meinem Postfach, die eindeutig suggeriert, wie wenig Bock der Referent auf mich hat. Soll er doch zur Hölle fahren! Doch auch wenn in diesem Moment die Wut zu brodeln begann, war der Auslöser meines Wutausbruchs das anschließende Telefonat mit dem Chef, der mich wissen ließ, dass er mir vertraut und ich das bitte allein klären soll. Unverschämt von ihm – fande ich zumindest in dem Moment. Ich wurde still am Telefon, bemüht, meine Stimme zu kontrollieren und die aufsteigenden Tränen in Schach zu halten. Das Letzte, was ich wollte, war, dass er meine von Tränen erstickte Stimme hört. Mein nicht zu bändigender Stolz bahnte sich seinen Weg und alles, was ich noch rausbekam, war ein ok. Mehr traute ich meiner Stimme nicht zu. Ohne ein Tschüss habe ich aufgelegt, das Telefon auf meinen Schreibtisch geschmissen und bin aus meinem Büro gestürmt. Im nächsten Moment fand ich mich heulend im Bad. Vorher hörte ich nur noch einen lauten Knall und nahm an, dass jemand irgendwo im Haus eine Tür zugeschmissen hatte. Ganz so unauffällig, wie ich das geplant hatte, war mein Wutausbruch nicht und so dauerte es nicht lange, bis unsere Senior-Recruiterin an die Badtür klopfte…

Ich verstehe mich als Dienstleisterin. Natürlich bin ich daher grundsätzlich bemüht, es allen recht zu machen. Zusätzlich obliegt mir die Öffentlichkeitsarbeit, was bedeutet, dass ich mich auch im Bereich der „Krisenkommunikation“ bewege und das mache ich nach bestem Wissen und Gewissen und in aller Regel gelingt mir das. Ich verstehe natürlich auch, wenn mal etwas nicht passt und die Personaler der Kliniken, unsere Referenten oder auch die Geschäftsführer haben manchmal auch einfach einen schlechten Tag. Aber ich bin ganz ehrlich: Es gibt Momente, da will ich einfach nur auf Antworten klicken, das Mittelfinger-Emoji in die leere Mail setzen und drunter schreiben „Für Fragen bin ich jederzeit gern erreichbar. Mit freundlichen Grüßen“. Das wäre selbstredend unprofessionell, aber versucht bin ich ab und an, einfach der Genugtuung halber.

In diesem Fall hat mein Wutausbruch in einem Gespräch mit unserer Senior-Recruiterin geendet. Keine Sorge: Auch nächste Woche lest ihr wieder von mir. Ich habe mich ausgeheult, tief durchgeatmet, bin vor meinen Schreibtisch getreten und habe die Mail beantwortet. Währenddessen hatte der Chef noch zweimal bei mir angerufen, aber ich war noch nicht soweit. Vielleicht rufe ich ihn nächste Woche zurück.

Warum erzähle ich euch das? Hier und auch überall anders ist nicht immer alles prima und wir alle haben manchmal schlechte Momente und das ist völlig okay. Im Nachgang hätte ich mir allerdings gewünscht, taffer gewesen zu sein. Ich finde es nicht schön, dass ich mich bei einer Kollegin ausgeheult hab und mich nervt es tierisch, dass meine Wut überkocht ist, als mein Chef mir sein Vertrauen ausgesprochen hat. Aber jetzt ist es eben so und ich habe mir daraus mitgenommen, zukünftige Wutausbrüche in Mutausbrüche zu machen, die negative in positive Energie umzuwandeln und als Vortrieb zu nutzen. Manchmal muss man eben einfach seinen Ärger weg atmen. Oder wie ich das am Abend gelöst habe: Wein und Online-Shopping. Witzigerweise hat sogar mein Chef für mich online geshoppt: Er hat für mich einen Punching Ball bestellt. Per Overnight Versand.

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