BlogtorsFuture – Hinter den Kulissen


back Back

Vertrauensbruch?

16 July 2021

Einem Freund habe ich am Dienstag um 10:07 Uhr auf sein „Ich wünsche dir einen schönen Tag.“ geschrieben: „Mein Tag kann nur noch besser werden. Ich habe schon zwei Gespräche mit dem Chef gehabt.“ Normalerweise sind diese Gespräche immer sehr erfreulich und erfrischend. (Ich werde nicht gezwungen, dass zu schreiben.) Aber diese Woche sind wir etwas aneinandergeraten.

In letzter Zeit ging es häufig darum, dass ich mehr Verantwortung übernehmen und Entscheidungen ohne Rücksprache mit ihm treffen soll. Diese Woche habe ich aber eine Entscheidung getroffen, die so nicht richtig war und das bekam ich prompt gesagt. Augenrollend bin ich abgetreten und in mein Büro verschwunden. Das heißt allerdings nicht, dass die Unterhaltung beendet war. Mein Chef weiß nämlich, wo mein Büro ist. Kurzerhand stellte er sich neben mich und sagte: „Sie können nicht einfach weggehen, wenn wir noch mitten in der Diskussion sind.“ Mit hochgezogener Augenbraue sah ich ihn stur an. „Wieso? Sie haben gesagt, dass es falsch war, ich kann es nicht mehr ändern. Damit war die Unterhaltung beendet.“ Manchmal frage ich mich echt, warum er mir nicht einfach kündigt. Wegen Sturheit. Oder Frechheit. Oder wegen beidem. Glücklicherweise hat er nicht nur Humor, sondern respektiert auch, wenn ich eine andere Meinung habe. In aller Regel schließen wir einen Kompromiss und das Leben geht weiter.

Eine Führungsposition zu haben, ist noch neu für mich. Ich lerne extrem viel und bekomme viele Aufgaben, in die ich mich erst einarbeiten muss. Das macht mir großen Spaß, ich will diese Verantwortung übernehmen und stehe auch für meine Fehler gerade. Es ist nur logisch, dass eine gewisse Handreichung seitens des Chefs erforderlich ist. Mit seiner Arbeitserfahrung kann er natürlich auf viel mehr Expertise zurückgreifen, mit welcher er seit langer Zeit erfolgreich ein Unternehmen leitet. Er verlässt sich auf mich und will, dass ich selbstständig arbeite. Aber diese Woche hatte ich das Gefühl, dass er mich kontrolliert. Am gleichen Tag hatte ich abends eine Veranstaltung und während ich so im Meet-the-Expert sitze und dem Vortrag lausche, nehme ich aus dem Augenwinkel eine Bewegung durch die Glastür wahr. Als ich meinen Kopf drehte, sind mir fast die Augen rausgefallen. Ich erblickte den Chef. Er erblickte meinen Blick. Kurzes Blickduell. Ab dann weiß ich nichts mehr, weil mir schlagartig schlecht geworden ist. Versteht mich nicht falsch: Ich hatte nichts falsch gemacht und nichts zu verbergen. Alles lief reibungslos, der Saal war voll, die Referenten waren super, wir hatten sogar einen Livestream. Ich hatte einen guten Job gemacht. Dennoch bedeutet so ein unangekündigter Besuch für mich Stress. Diese Veranstaltung war in einigen Punkten besonders: Es war eine Doppelvorstellung (also zwei Referenten aus unterschiedlichen Fachrichtungen), fast doppelt so viele Teilnehmer wie sonst und ein Livestream mit ONLINE-Teilnehmern. Meine mentale To-Do-Liste war bereits prall gefüllt mit Verbesserungsideen. Als sich der Chef zwei Stühle neben mich setze und das Handy zückte, habe ich meins auch direkt in die Hand genommen. Alles in allem tauschten wir im Verlauf des Meet-the-Expert-Dinners mehr als 50 Nachrichten aus, ich schrieb mir sieben Mails an meine Dienstadresse, um die Ideen nicht zu vergessen und ich kann euch sagen: Ich war stocksauer. Ich habe kein Problem mit Kritik oder Verbesserungsvorschlägen, aber so ein unangekündigter Kontrollbesuch ist nichts, wirklich gar nichts für mein Gemüt. Vor der Pause war der Chef schon wieder weg und nachdem das Meet-the-Expert-Dinner vorbei war, habe ich noch mit den drei Kolleginnen geschwatzt, die mit dabei waren. Natürlich habe ich meinem Unmut Luft gemacht und gesagt, dass ich das nochmal mit dem Chef besprechen muss. (Gut...meine Worte waren „…dass ich ihm diesen Besuch noch aufs Brot schmiere.“. Auch nicht in Ordnung...)

Zusammenarbeit ist wichtig und richtig und ich schätze seine Ideen sehr, aber viele Sachen waren mir schon aufgefallen und ich hätte am nächsten Tag ganz ehrlich berichtet, was passiert ist. Ich weiß natürlich, dass er mir absichtlich nichts gesagt hat, um mich nicht zu stressen, aber für meinen Gemütszustand wäre eine kurze Vorwarnung wirklich gut gewesen. Beim nächsten Mal machen wir das einfach so.

Ich übernehme die mir übertragene Verantwortung sehr gern und weiß es zu schätzen, dass ich viel Freiraum für meine Ideen habe. Mir wird nicht nur ein breiter Handlungsspielraum eingeräumt, sondern meine Ideen werden gehört. Ich bekomme Aufgaben zugesprochen, die ich noch nie gemacht habe und mir wird ungesehen das Vertrauen entgegengebracht, dass ich das schaffe. Das ist klasse und daran wachse ich jeden Tag. Doch unangekündigtes Auftauchen wie diese Woche stresst mich dennoch. Was ich natürlich weiß: Das war nicht der Plan. Aufgeregt hat es mich trotzdem und am Tag danach musste der Punching Ball dran glauben. Nachdem ich mich abregt hatte, ging es dann weiter im Text und wir haben einen konstruktiven Austausch geführt, um unsere Ideen zu vergleichen und für die zukünftige Umsetzung zu brainstormen und unsere Veranstaltungen noch besser zu machen.