BlogtorsFuture – Hinter den Kulissen


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Stark wie Sekundenkleber!

2 July 2021



Es ist Freitag. Meine Wochenarbeitszeit habe ich seit heute früh dreiviertel neun rein. (Obwohl ich Montag zwei Stunden abgebummelt hab!) Letzte Woche war es Freitag um zwölf, die Woche davor Donnerstagnachmittag und die davor Freitag gegen 11.30 Uhr. Dem Chef habe ich gesagt, dass ich die Sache mit den Stunden im Griff habe. Das war gelogen. Selbst mein Hund Jarvis hat die Schnauze voll davon, so oft im Büro zu sein. Doch es ist Festival…äh…Veranstaltungssaison.

Unsere Meet-the-Experts laufen und die obliegen eben mir. Es gibt viel zu tun. Viel Vor- und Nachzubereiten und natürlich nimmt die Betreuung der Veranstaltungen zusätzlich Zeit in Anspruch. Mein Kaffeekonsum ist angestiegen (schwer vorzustellen – aber wirklich wahr), ich falle freitags in der Regel halb neun ins Bett und letzte Woche habe ich das erste Mal seit langem wieder verschlafen. Außerdem müssen meine Kolleginnen mitunter ziemlich einstecken. (Mädels, an der Stelle: Sorry. Ich habe euch trotzdem lieb.) Das alles sind sichere Anzeichen dafür, dass mein Workload aktuell an der Kotzgrenze liegt und ich möglicherweise ein bisschen viel arbeite.

Der Teamzusammenhalt hier ist aber bombastisch und so versuchen die Kolleginnen und der Chef mich zu unterstützen, wo sie können. Letzte Woche hat der Chef eure Carepakete gepackt – ohne mein Wissen. Ich habe es einfach nicht geschafft, weil ich dringend Futter für meinen Hund kaufen musste. Lächerlich, ich weiß. Doch im Moment setze ich meine ganze Kraft auf Arbeit ein und so bleibt privat eben einiges auf der Strecke. Ich müsste unbedingt mal wieder wischen, meine Pflanzen auf der Terrasse verdursten und letztens habe ich in aller Eile Wäsche gemacht und dabei ein weinrotes Shirt mit etlichen hellen gewaschen, was dazu geführt hat, dass ich jetzt ziemlich viele rosafarbene Oberteile im Schrank hab. Ich bin ganz ehrlich: Ich sehne meinen Urlaub herbei wie ein kühles Bier im Sommer. Wie die SPD den Abtritt der Kanzlerin. Wie Hansi Flick die neue Saison. Also sehr.

Ursprünglich war die ganze Sache hier anders geplant. Als ich mich damals bei der maep vorgestellt habe, hätte ich nicht erwartet, dass ich im Juni hier stehe und mir überlege, wann ich meine Wohnung sauge oder einkaufe. Was damals anders war? Es gab noch einen Menschen in meinem Leben, der mir gesagt hat, sich während der Saison um alles zu kümmern. Zwei Tage vor Arbeitsantritt bei der maep und DoctorsFuture wurde alles anders. Meine Ehe erlitt einen Schiffbruch und knapp drei Wochen später fand ich mich allein in der Wohnung wieder, versucht, mir in meinem neuen Job nichts anmerken zu lassen, weil ich jetzt Alleinverdienerin war und das verfi**t nochmal wuppen musste. Das feste Ziel vor Augen, niemanden mit meinem Kram zu belasten. Nicht meine neuen Kollegen (Auf gar keinen Fall! Absolut unprofessionell!), nicht meine Familie und vor allem – und das ganz besonders – nicht meinen ehemaligen Partner. Versteht mich nicht falsch: Er hat mir jegliche Hilfe zugesichert und ist gern bereit, mir mit der Terrasse zu helfen oder sich um den Hund zu kümmern, aber dieses Angebot möchte ich so wenig wie möglich in Anspruch nehmen. Dazu bin ich viel zu stolz. Mal ganz davon abgesehen, dass es im Grunde gut funktioniert. Bis heute, als ich hier stehe und mich frage, wann dieser ganze Mist endlich vorbei ist, weil ich einfach meine Ruhe will. Weil ich will, dass jemand meine Hand nimmt und mir ein bisschen Normalität und einen Kuss gibt. Weil ich einfach abends nicht allein auf der Couch sitzen will. Weil ich mich nicht fragen will, warum mein Fußboden sich anfühlt, als würde ich am Strand spazieren gehen. Und wisst ihr, was ich besonders will? Dass Familie, Freunde und Nachbarn endlich mal damit aufhören, mich mit diesen beschi**enen mitleidigen Blicken anzuschauen. Aber diese mitleidigen Blicke habe ich zumindest den Nachbarn letztens gehörig ausgetrieben, als ich das schicke E-Klasse Coupé vom Chef auf meinen Stellplatz in der Tiefgarage gezirkelt und dabei der zweitgrößten Klatschbase im Haus süffisant zugewunken hab. Am nächsten Morgen bin ich extra spät los, damit möglichst viele Nachbarn den Wagen auf meinem Stellplatz sehen.

Mitleid ist das Einzige, was ich hier auf Arbeit nicht bekommen habe. Natürlich kam es irgendwann zur Sprache, wie mein Privatleben aussieht. Und das war das Beste, was mir passieren konnte. Meine Kolleginnen und mein Chef spornen mich an, mein Leben ganz genauso zu leben, wie ich es für richtig halte. Sie unterstützen mich, fiebern mit, wenn ich flirte, haben gemerkt, wie ich langsam zu mir selbst finde und sich mit mir gefreut. Und sie unterstützen mich bedingungslos in allem, was ich beruflich und privat tue.

Und wenn ich mal wieder viel zu stolz dafür bin, um Hilfe zu bitten, dann nehmen sie mir ungefragt Arbeit ab und sagen es mir hinterher. Meine Kolleginnen machen Witze über meine Arbeitszeiten und erinnern mich daran, Feierabend zu machen. Ab und an schmeißt mein Chef mich freitags 13 Uhr raus, damit ich meinen Haushalt regeln kann. Wir bei der maep halten zusammen wie Sekundenkleber.

Und wisst ihr was? So wie es ist, ist es perfekt. Ich liebe meinen Job und wir rocken das Sommersemester jetzt noch durch. Dann mache ich Urlaub und dann geht der Wahnsinn von vorn los. Und darauf freu ich mich! Ich definiere mich über mich selbst und nicht über andere Menschen. So wie es ist, ist es super und wenn sich bei mir irgendwann mal wieder etwas ändert, dann wird es auch super sein. Und wisst ihr, was ich glaube? Ich glaube, es laufen die ersten Wetten, wann sich bei mir mal wieder etwas ändert. Hoffentlich hat keiner auf Nie gewettet.

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